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Bewohner ruhig stellen?

  • 4. Juni 20154/06/15

Leserbrief vom 31.05.2015

Sehr geehrter Herr Hirsch,

Ihr Bericht über eine Grundrechtsdebatte in der Pflege wirft Kraut und Rüben durcheinander und muss in jedem auch nur in irgendeiner Weise als schwierig anmutenden alten oder beeinträchtigten Menschen die Angst schüren „ins Heim zu kommen, weil man dort eh nur ruhig gestellt wird und keine Rechte mehr hat“. Warum nennen Sie die Dinge nicht beim Namen? Dass es darum geht, Menschen in Heimen vor der Gefahr nicht unerheblicher Verletzungen und anderer Gesundheitsschädigungen, einer Gefahr, die mit psychischen Krankheiten und geistigen Behinderungen einher gehen kann, zu schützen. Dass zu diesem Zweck auch beruhigend wirkende Medikamente eingesetzt werden. Dass die Meinungen, ob eine Selbst- oder Fremdgefährdung überhaupt vorliegt und/oder die geplante Schutzmaßnahme notwendig ist, manchmal weit auseinander gehen. Dass ein Dialog über die beste Sicherung der persönlichen Freiheit und aller anderen Grundfreiheiten in Heimen zwischen allen Beteiligten dringend angesagt ist. Dass es dazu nicht nur eine Verständigung über gesetzliche Regelungen, sondern vor allem einer ethischen Positionierung bedarf, wohin wir in der Pflege und Betreuung von Mitmenschen wollen….

Mit freundlichen Grüßen

Martina Pruckner

Hier der Originalartikel der OÖN vom 30.05.2015:

Grundrechts-Debatte in der Pflege: Bewohner ruhig stellen?

WELS. Seit zehn Jahren regelt das Heimaufenthaltsgesetz den Umgang mit schwierigen Heimbewohnern. Wie stark darf das Pflegepersonal Menschen in ihren Grundrechten beschneiden, um Gefahren zu bannen?

Grundrechts-Debatte in der Pflege: Dürfen Bewohner ruhig gestellt werden?

Bewohner von Pflegeheimen können vom Personal unter gewissen Bedingungen in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Das führt oft zu Konflikten. Bild: (epa)

Diese Frage beschäftigt Juristen, Betreuer und Politiker. Die OÖNachrichten diskutierten am Freitag in Wels mit sechs Experten.

Mit Bewohnerin überfordert

Behindertenpädagoge Christian Grill kennt die Schattenseiten der Alten- und Behindertenbetreuung in Oberösterreich. „Ich werde dann gerufen, wenn es Streit gibt“, sagt er. Die Fälle, die Grill erlebt, sind nicht alltäglich. Sie sind die Tiefpunkte . Er zeigt Bilder von Unterkünften, die mitten in Oberösterreich stehen, die aber eher an die Dritte Welt denken lassen. Ein kahler Raum mit einem Bett ohne Bettzeug. Vorhänge gibt es keine. Eine 58-jährige Frau lebt hier seit einem Vierteljahrhundert. Sie ist geistig behindert und taub. Das Pflegepersonal ist mit ihr überfordert, sie gilt als schwierig. Als Grill sie im Jahr 2009 besucht, wiegt sie nur noch 38 Kilogramm. Innerhalb eines Jahres hatte sie 20 Kilo Gewicht verloren. „Mit löchrigen Socken stand sie auf dem kalten Boden“, erinnert sich Grill. Während der Nacht und zu den Essenszeiten sperren die Pfleger die Frau in ihrem Zimmer ein. Sie sei aggressiv und würde den anderen Bewohnern das Essen stehlen, heißt es. Immer wieder schickt die Heimleitung die Frau in die Psychiatrie. Dort hat man mit der Patientin keine Probleme. Nach mehreren Aufenthalten empfiehlt ein Arzt dem Pflegeheim: „Schickt sie nicht dauernd zu uns, sondern gebt ihr was zu essen.“ Dies ist ein eindeutiger Fall, in dem eine Patientin zu unrecht in ihren Grundrechten beschnitten worden ist.

Aber wie soll das Pflegepersonal mit tatsächlich schwierigen Patienten umgehen? Bis ins Jahr 2005 war das eine rechtliche Grauzone. Dann regelte der Staat das Vorgehen mit dem Heimaufenthaltsgesetz. Seither müssen die Methoden der Heime wieder von Richtern überprüft werden: „In den letzten Jahren geht es dabei hauptsächlich um medikamentöse Beschränkungen“, sagt Manfred Lengauer, Richter am Landesgericht in Wels. Oft sei strittig, ob die Beschränkung eine Nebenwirkung der Behandlung oder deren Zweck ist, erläutert der Jurist. Er kritisiert, dass in manchen Fällen die Alternativen zur Einschränkung nicht ausreichend geprüft würden.

„Konfliktreiche Diskussionen“

Nicht immer sind es die Heime, die solche Beschränkungen fordern, weiß Sabine Wimmer, Leiterin des Pflege- und Betreuungsdienstes in Sierning. „Angehörige fürchten, dass es zu Verletzungen kommt, wenn wir die Bewohner nicht in ihrer Freiheit einschränken“, berichtet sie. Das Heimaufenthaltsgesetz führe in ihrem beruflichen Alltag jedenfalls oft zu „sehr emotionalen und konfliktreichen Diskussionen“. Trotzdem sieht sie in dem Gesetz keine Bedrohung. Es müsse nur novelliert und dadurch eindeutiger werden.

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